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Was taugen „historische Beweise“?

Ist von „historischen Beweisen“ die Rede, ist Vorsicht geboten. Was vor vielen hunderten oder tausenden von Jahren passiert ist, läßt sich nämlich kaum mit Sicherheit sagen. Was man allerdings beweisen kann: Wenn ein „historischer Beweis“ falsch ist. Zum Beispiel dann, wenn er belegbaren Tatsachen eklatant widerspricht.

Echte Historiker und begabte Fantasten

Was haben Heinrich Schliemann, Thor Heyerdahl und Erich von Däniken gemeinsam? Schliemann hat behauptet, Troja gefunden zu haben. Thor Heyerdahl glaubte, die Osterinseln seien von Südamerika aus besiedelt worden. Däniken fabulierte, alte Zivilisationen hätten Kontakt mit Außerirdischen gehabt. Gemeinsam ist ihnen ein faszinierender Zug: Sie alle kombinierten historische Beobachtungen, archäologische Funde oder kulturelle Traditionen mit weitreichenden Interpretationen, die z.T. real, teils visionär, teils spekulativ und umstritten waren.

  • Schliemann verband seine Entdeckungen mit der Überzeugung, Homers Epen seien reale Geschichtsbücher – und wurde damit zum Pionier der Feldarchäologie. Er schien Recht zu behalten, auch wenn seine Methoden heute als problematisch gelten.
  • Heyerdahl wiederum wollte mit einem spektakulären Selbstexperiment zeigen, dass Kulturkontakte über Ozeane hinweg möglich gewesen sind. Seine Besiedlungstheorien wurden später durch genetische, linguistische und archäologische Daten weitgehend relativiert.
  • Und Däniken? Er lieferte ein populäres Narrativ, das Lücken im Wissen über frühe Zivilisationen mit außerirdischen Besuchern füllte. Ein Beispiel dafür, wie spekulative Hypothesen zu weitreichender kultureller Resonanz führen können, auch wenn sie wissenschaftlich nicht haltbar sind.
Bildquelle wikipedia: Bolivianische H-Steine als vermeintlicher Beleg für Prä-Astronautik https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4-Astronautik

Selbsterfüllende Prophezeiung

Alle drei stehen damit exemplarisch für ein Grundmuster „historischer Beweise“:

  • Wo historische Evidenz fehlt oder unvollständig ist, verringert sich der Raum für seriöse Deutung und er wächst für Spekulation.
  • Trotz Vision und Irrtum werden „historische Beweise“ suggeriert – es gibt ja einen (wenn auch noch so kleinen) Wahrheitskern.
  • Das Ergebnis besteht aus einer Mischung aus Entdeckungslust, Weltanschauung und dem Wunsch, große Geschichten zu erzählen.

Doch genau deshalb lohnt es sich, kritisch zu hinterfragen, wie aus einzelnen Spuren ganze Weltbilder konstruiert werden und wo die Grenze zwischen wissenschaftlicher Hypothese und spekulativer Behauptung verläuft.

Schauen wir zunächst auf Schliemann: Er kreierte eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Er wollte das Troja Homers finden, und er fand tatsächlich einen Ort, der Troja sein könnte. Sein „Schatzdes Priamos“ galt lange Zeit als Beweis – obwohl er zeitlich überhaupt nicht zu Homers Troja paßt.

Ob der Fundort Schliemanns wirklich Troja gewesen ist, führt unter Historikern bis heute zu unterschiedlichen Auffassungen. Kurzum: Es nicht „bewiesen“, dass Hisarlik Tepe tatsächlich der Austragungsort des trojanischen Kriegs war. Es gibt in dieser Hinsicht auch vermutlich keine finalen Beweise, also keine historische Smoking Gun.

Bildquelle wikipedia: Der Schatz des Priamos als Beweis für Troja https://de.wikipedia.org/wiki/Schatz_des_Priamos

Was sind überhaupt „historische Beweise“?

Es gibt normative juristische Beweise und streng logische mathematische Beweise, aber keine anerkannte Definition für „historische Beweise“. Eben drum! Historiker arbeiten primär mit Indizien, Kontextanalysen, Vergleichen oder Quellenkritik. Insofern ist ein historischer Text schon dann verdächtig, wenn das Wort „Beweis“ verwendet wird. Man kann die Vergangenheit letztlich nur plausibel und wahrscheinlich rekonstruieren, aber nur äußerst selten vollständig verifizieren oder beweisen, was wann wie passiert ist. Daher können neue Funde eine etablierte ältere Interpretation jederzeit über den Haufen werfen.

Mitunter geht es bei einer historischen Beweisbehauptung auch um kommerzielle Interessen. Ein Beispiel dafür ist die Varus-Schlacht, deren historischer Austragungsort keinesfalls so gesichert ist, wie es von einigen Regionen dargestellt wird: Doch warum päpstlicher sein wie der Papst, wenn doch schon die lediglich mit wenigen Indizien unterstützte Behauptung ausreicht, um Kultur-Touristen zu einem Ort zu locken, welcher Austragungsort der legendären Schlacht gewesen sein könnte. Historische Wahrheit ist so gesehen in vielen Fällen kaum mehr als eine plausible Rekonstruktion, deren Aussagekraft vom Stand der Quellenlage und der methodischen Herleitung bzw. Bewertung abhängt.

Wer selbstbewußt irgendwas historisch plausibel anmutendes behauptet, sagt damit vor allem: Beweise mir erst mal das Gegenteil!

Und genau das wird im KI-Zeitalter immer einfacher! Die Instrumente für Beweis und Gegenbeweis werden immer billiger und zugleich genauer: Heute gibt es z.B. sehr exakte Genanalysen, die historische Thesen untermauern oder endgültig widerlegen können. So geschehen bei Thor Heyerdahls Vermutung, die Osterinseln wären von Südamerika aus besiedelt worden. Genanalysen haben das widerlegt. Gleichwohl hatte Heyerdahl einen Achtungserfolg, weil er mit seiner Kon-Tiki zumindest erfolgreich demonstrierte, dass es möglich gewesen sein konnte. Viel mehr allerdings nicht.

Die Beweisbehauptungen von Cantor & Co.

Die vorherigen Beispiele dienen im vorliegenden Kontext vor allem dazu, einige unbelegte oder gar falsche historische Beweisbehauptungen als das zu entlarven, was sie sind: Scheinwissenschaftliche Hypothesen, welche die oft fließende Grenze von vertrauenswürdiger Belegbarkeit in Richtung Suggestion, Manipulation und z.T. auch der Geschichtsfälschung überschreiten.

Letztere beginnt laut Definition dort, wo mit unlauteren Mitteln ein unzutreffender Eindruck von historischen Ereignissen oder Situationen und ihrer Interpretation vermittelt wird. Und unlauter ist ein Mittel bereits dann sein, wenn von einem Mathematiker wie Moritz Cantor von mehrfach einem „Beweis“ gesprochen wird, obwohl es keinerlei belastbaren Beleg gibt. Erst recht dann, wenn der gleiche „Beweis“ viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten ermöglicht, aber die Alternativdeutungen schlicht unterschlagen werden.

Bildquelle: Spott und Verächtlichmachung von Moritz Cantor in seinen Vorlesungen (ab 1880)

Spott und Verächtlichmachung alternativer Ansätze

Unlauter ist ein Mittel zudem dann, wenn sich jemand wie Moritz Cantor in seinen gedruckten Vorlesungen über all jene lustig macht, die nicht seine „Beweisbehauptung“ unterstützen. Wenn er Gegner verspottet und ihnen „Taschenspielertricks“ unterstellt, obwohl er selbst nachweislich Beweise behauptet, wo keine sind. So geschehen im Hinblick auf seine unwissenschaftliche „Beweisführung“, dass das Wort Algorithums von Beinamen des arabischen Mathematikers Mohammed Ben al-Hwarimis abstamme. Interessanterweise übernahmen dieses fragwürdige Narrativ zunächst ausgerechnet jene Mathematiker, die auch in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift für Mathematik und Physik publizierten.

Doch auch die Lexika des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts übernahmen irgendwann dieses Narrativ. Und viele wissenschaftliche Texte berufen sich noch heute auf Cantor. Allerdings eher in Form einer Citogenesis, denn wer Cantors Vorlesungen im Original liest, findet keinen der von ihm suggerierten „historischen Beweise“, sondern nur nachweislich ungesicherte Beweisbehauptungen.

Warnungen erfolgten noch zu Lebzeiten Cantors

Die Kritik an Cantor und seinen fragwürdigen Methoden ist nicht neu – im Gegenteil sie ist schon zu seinen Lebzeiten vehement vorgetragen worden. Der schwedische MathematikerGustaf Eneström widmet der wiederholt ungenauen Arbeitsweise Cantors 1912 sogar eine Veröffentlichung mit dem vielsagenden Titel:

Wie kann die weitere Verbreitung unzuverlässiger mathematisch-historischer Angaben verhindert werden

Er warnt explizit davor, irgendwelche Angaben von Cantor ohne genaue Quellenprüfung zu übernehmen. Diese für die Wissenschaft ungewöhnlich scharfe Kritik ist – so darf man hier betonen – gerade im Hinblick auf das al-Hwārizmī-Eponym von großer Bedeutung, weil Cantor mit seinen gedruckten Vorlesungen eine der wichtigsten Fundamente legt, um das von Reinaud lediglich als Vermutung angenommene Eponym auf die Ebene einer scheinbar bewiesenen Gewissheit zu erheben – obwohl der Akkusativ nahezu das Gegenteil besagen würde.

Half die Warnung Eneströms dabei, die Citogenesis frühzeitig zu durchbrechen? Nein – seine Warnung von 1912 wurde bis heute weitgehend vergessen … oder sie wurden kleingeredet. Soe erwähnte David Eugene Smith die Vorlesungen Cantors als größtes Werk der Mathematik-Geschichte seiner Zeit. Ja, es enthalte Fehler – was bei einem Werk dieses Umfangs nie auszuschließen ist, aber die wären ja alle bekannt. Und Eneström: War er nur ein Neider des Erfolgs? Emil Lampe umschrieb1901 in einer Rezension von Cantors Vorlesung Eneströms Kritik mit den Worten „Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu thun“.

Smith und Lampe dürften kaum geahnt haben, dass die vermeintlich kleinen Fehler Cantors durch eine Citogenesis irgendwann zu einer durchaus relevanten Herausforderung im KI-Zeitalter führen könnten. Der Film Office Space – Alles Routine erklärt auch warum: Durch einen Computermanipulation verschwand bei jeder einzelnen Transaktion ein Bruchteil eines Cents. Für den einzelnen Kunden war es nicht nachweisbar war. Da das Programm aber täglich unzählige Transaktionen abwickelte, wuchs das Ganze langsam, aber stetig zu einem Millionenbetrug heran: Ungesicherte historische Beweisbehauptungen sind wie jener Programmcode – der Algorthmus – der in großer Skalierung den Round-Down-Betrug ermöglicht hat.

Mehr zum Thema Citogenesis in diesem Beitrag.

Algorithmus Etymologie

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