HomeBlogKein etymologischer Kampf gegen Windmühlen

Kein etymologischer Kampf gegen Windmühlen

Vermutlich kennt jeder Don Quixote de la Mancha. Vor allem seinen ikonischen Kampf gegen Windmühlen. Autor des Buches war Miguel de Cervantes. Er wußte genau, was Kampf bedeutet. Vielleicht hat sich die RAE von der Figur des cleveren Sancho Panza inspirieren lassen, als sie vor 25 Jahren die ḥisāb al-gubār-Herleitung für das Wort Algoritmo veröffentlichte. So vermied sie geschickt einen Kampf gegen etymologische Windmühlen.

Die Real Academia Española (RAE) veröffentlichte vor über 25 Jahren eine These von Professor Federico Corriente Cordoba, obwohl er diese kurz zuvor öffentlich widerrief. Es geht dabei um die Herleitung des Wortes Algorithmus. Während 99,9% aller Mathematik-Historiker sagten, das Wort stamme vom Namen Mohammed Ben Musa al-Hwarizmis, behauptete Corriente ab1996 mehrfach, dass dies falsch wäre. Der Begriff stamme vom arabischen Sandrechnen ab, dem hisāb al-gubār. 1999 zog er die Auffassung wieder zurück. 2001 wurde sie von der RAE erstmals publiziert. 2025 ist sie erneut im Wörterbuch der spanischen Sprache zu finden, dem DLE.

Das Ganze mutet merkwürdig an:

  • Wieso wird über Jahrzehnte hinweg eine etymologische Ansicht veröffentlicht, die zuvor offiziell widerrufen wurde?
  • Wieso erfolgt keine Korrektur, so dass nicht nur 99,9%, sondern 100% der al-Hwarizmi-These zustimmen?
  • Wieso diese aussichtslos wirkenden 0,1% Restwiderstand gegen eine erdrückende Übermacht?

Statistisch gesehen könnte man sagen: Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Kampf gegen etymologische Windmühlen!

Was die RAE schreibt und was sie nicht behauptet

Schaut man sich den Text der RAE genauer an, stellt man fest: Es ist gerade kein Kampf gegen etymologische Windmühlen, denn die RAE ist bis heute so geschickt, das al-Hwarizmi-Eponym nicht offiziell infrage zu stellen. Die RAE schreib nicht: „Das al-Hwarizmi-Eponym ist falsch!“ Nein, sie erwähnt überhaupt nicht, dass es diese These überhaupt gibt. Stattdessen schreibt sie vergleichsweise unauffällig: Das Wort stamme vom Rechnen mit arabischen Ziffern – eben dem bereits erwähnten ḥisāb al-gubār

Anders als Federico Corriente, der 1996 und 1997 die herrschende Ansicht als falsch bezeichnete, schweigt die RAE. Ein weiser Schritt, wenn sie eine bereits offiziell widerrufene These veröffentlicht, aber die herrschende Meinung nicht zitiert. Daraus kann man ihr kaum einen Strick drehen. Sie geht der offenen Konfrontation aus dem Weg. Sie führt keinen Kampf, der kaum zu gewinnen ist.

Miguel de Cervantes Lebenserfahrung

Was viele nicht wissen: Miguel de Cervantes hat selbst viel gekämpft und schwere Wunden davongetragen. So war er Teilnehmer einer der größten Seeschlachten aller Zeiten – der Schlacht von Lepanto. Er erhielt drei Schusswunden, zwei in der Brust, eine in den Unterarm. Seine linke Hand blieb dabei dauerhaft gelähmt.

Der vom Leben gezeichnete Realist Cervantes sezierte mit umso größerer Präzision, wie Illusionen entstehen, genährt werden und selbständig Realität werden. Er wußte: Die Bedingungen, unter denen „unglaubhaften Dingen doch Glauben geschenkt“ wird, sind vielfältig! Gegen sie anzurennen, ist meist zwecklos. Und so schuf er nicht nur die Romanfigur des Ritters Don Quixote, sondern auch die seines gedrungenen Begleiters: Des mit viel gesunden Menschenverstand ausgestatteten Sancho Panza.

Die Einsicht in die Macht der Illusion

Vielleicht läßt sich vor diesem Hintergrund auch das Vorgehen der RAE erklären: Mit dem gesunden Menschenverstand. Und den könnte bereits Federico Corriente zum Maßstab genommen haben. Er war ein renommierter Arabist und Etymologe. Er legte 1996 eine überzeugende linguistische Argumentation für ḥisāb al-gubār vor. Sein Widerruf 1999 war hingegen überraschend und formal. Vielleicht war er auch eine Finte.

Er könnte eingesehen haben, dass:

  • Sein Gegenüber nicht nur „ein paar Kollegen“, sondern ein selbsttragendes Narrativ war, gestützt auf 150 Jahre Wiederholung in Lehrbüchern, Lexika und einer weltweit verbreiteten kollektiven Vorstellung.
  • Argumente gegen einen solchen „Golem der Gewissheit“ (geschaffen aus Zitaten, Mutmaßungen und Wunschdenken) würde wirkungslos verpuffen. Die Windmühle dreht sich einfach weiter.
  • Der persönliche und berufliche Aufwand, gegen diese Übermacht anzukämpfen, hätte in keinem Verhältnis zum erzielbaren Ergebnis gestanden. Der „Kampf“ hätte seine Ressourcen verzehrt, ohne das herrschende Narrativ zu stürzen.

Die RAE als stiller Beharrer (kein Kämpfer)

Die Akademie hat Corrientes (widerrufene) These veröffentlich, aber sie hat sie – sehr unspanisch diskret – als einzige mögliche alternative Erklärung in ihrem Wörterbuch konserviert („Quizá del… ḥisābu lģubār“).

  • Sie führt keinen kaum zu gewinnenden Kampf gegen Illusionen. Sie dokumentiert.
  • Sie stellt sich nicht gegen die Windmühle. Sie umgeht sie und pflanzt still einen alternativen Wegweiser in den Boden – für jeden, der genau hinschaut.
  • Das ist die Strategie der Institution, die auf Langzeit angelegt ist: Sie bewahrt die abweichende These vor dem Vergessen, ohne sich der Illusion direkt in den Weg zu stellen.

Die eigentliche Erkenntnis: Die Immunität des Narrativs

Damit kommen wir zum Kern, der über Cervantes Werk hinausgeht: Wer gegen ein mächtiges Narrativ kämpft, riskiert, von dessen Logik vereinnahmt, isoliert oder zerstört zu werden. Die etymologische Windmühle ist kein passives Objekt sondern ein System mit Selbstverteidigungsmechanismen. Corriente dürfte genau dies erlebt haben, bevor er seinen öffentlichen Widerruf formulierte, denn er ahnte:

Ein etabliertes Narrativ wird nicht durch Gegenbeweise, sondern nur durch ein attraktiveres, einfacheres oder nützlicheres neues Narrativ abgelöst.

Die al-Ḥwārizmī-These ist bis heute immun gegen Argumente, weil sie keine argumentative Basis mehr hat bzw. benötigt. Sie ist ein kulturelles Faktum geworden. Sie funktioniert, weil sie eine gute Geschichte ist, die das Bedürfnis vieler Menschen nach personalen Ursprüngen und nach einer einfachen, glorreichen Genese der digitalen Welt befriedigt.

Corrientes Einsicht war vielleicht diese: Man kann ein kulturelles Faktum nicht mit philologischen Details widerlegen. Man kann nur versuchen, ein anderes, stärkeres Faktum zu etablieren – was eine gesellschaftliche, keine akademische Aufgabe ist.

Don Quixote im KI-Zeitalter

Im KI-Zeitalter muss das alte Narrativ jedoch nicht mehr durch ein attraktiveres neues ersetzt werden. Es reicht aus, wenn es das am besten trainierte, konsistenteste und am häufigsten reproduzierte ist. KI zementiert den Status quo nicht aufgrund seiner Wahrheit, sondern aufgrund seiner statistischen Dominanz.

Vor 30 Jahren war der Kampf gegen ein etabliertes Narrativ ein Kampf gegen menschliche Überzeugungen und Institutionen. Im KI-Zeitalter wird es zunehmend ein Kampf gegen die infrastrukturelle Realität selbst – gegen die Grundlage der Wissensproduktion in Maschinen, die unser Denken zunehmend filtern und formen.

Die Hoffnung liegt darin, dass KI uns – wie Cervantes – die Mechanismen der Illusionsbildung gnadenlos vorführen kann. Sie kann uns zwingen, noch grundsätzlicher zu fragen: Was ist ein Beweis, wenn er simuliert werden kann? Was ist Autorität, wenn sie algorithmisch generiert wird?

Fazit: Statistik vs. Träume?!

Der Fall zeigt, dass „Wahrheit“ oft weniger eine Frage der Evidenz als der narrativen Hegemonie ist. Corriente zog sich vermutlich nicht wegen schlechter Argumente zurück, sondern wegen der Erkenntnis, dass er gegen einen kollektiven Traum anrannte – und gegen den kämpft man nicht mit Grammatiken, genauso wenig wie Don Quijote mit seinem Schwert gegen echte Windmühlen kämpfen kann. Die Illusion ist real, weil sie von zu vielen geteilt wird. Die RAE verhält sich weise: Sie wartet ab und hält das Andenken an die alternative Lesart wach, für eine Zeit, in der das alte Narrativ vielleicht von selbst Risse bekommt.

Algorithmus Etymologie

  • Download der Studien-Übersicht hier
  • Download der gesamten Studie hier

 

Yuval Noah Harari bezeichnet „Algorithmus“ als einen der zentralen Begriffe unserer Zeit. Im KI-Zeitalter entscheiden

In Lexika, Enzyklopädien und Fachliteratur dominiert bis heute die Erklärung, das Wort Algorithmus. sei aus

These A prüft, ob die alternative Herleitung der RAE (Real Academia Española) sprachhistorisch, kulturell und

These B prüft, ob sich die RAE-Idee aus These A im mittelalterlichen Sprachgebrauch wiederfindet: Also

In These C wird geprüft, wann das heute dominante al-Ḫwārizmī-Narrativ entstand. Erwiesen ist, dass es

Am Ende der Analyse erfolgt ein Gesamtfazit: Alle drei Thesen (A Wortstamm al-ġubār, B funktionale