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Die sieben Prinzipien von „Algorizmi“

Der deutsche Historiker Moritz Cantor gab 1865 vor, mit dem Text des Salemer Codex „beweisen“ zu können, dass „Algorizmi“ eine reale Person sei. Dabei ingnorierte er offenkundig, dass der gleiche Text auch die sieben Varianten des Algorismus beschrieb – im Sinne des Plurals „Algorizmi“. Eine lateinische Schreibweise, die auch das ältere Dixit Algorizmi verwendete.

In der Diskussion um den Ursprung des Begriffs Algorismus werden zwei mittelalterliche Texte als zentrale Belege angeführt: Der sogenannte „Salemer Codex“ sowie das ältere „Dixit Algorizmi“. Beide dienen als „Beweis“ für al-Ḫwārizmī als Namensgeber – vor allem aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit des Namens und der späteren Personalisierung des Begriffs.

Ein Vergleich der Texte legt jedoch eine andere Lesart nahe. Statt auf Autorschaft oder Herkunft verweisen beide Texte auf eine gemeinsame Denk- und Sprachform, in der Rechnen als regelgeleitete, autorisierte und lehrbare Ordnung erscheint. Der Algorismus fungiert dabei als Instanz – im Plural symbolisiert der Begriff sieben Prinzipien des heiligen Geist.

Sieben Prinzipien, eine Ordnung, kein Autor. Das mittelalterliche Heptagramm im Bild steht nicht für Berechnung, sondern für Lehre – für eine geordnete Vielheit, die ihre Autorität nicht aus Technik, sondern aus Sinn bezieht.

Algorizmi spricht – nicht ein Autor

Die Formel Dixit Algorizmi findet sich auch im Salemer Codex. Beide Texte besagen: „Alles Wissen stammt von Gott, alles ist nach Maß, Gewicht und Zahl geordnet“. Der Algorismus (singular) bzw. die Algorithmen (plural) werden in beiden Fällen nicht historisiert, sondern legitimiert. Die Texte beantworten weniger die Frage, woher das Wissen kommt, sondern warum es gültig ist.

Die Verwendung des Plurals (mit der Endung „izmi“*) hat dazu beigetragen, beide Texte im 19. Jahrhundert als Belege für eine personenbezogene arabische Herkunft zu lesen – obwohl sie selbst keinerlei Autorschaft benennen.

Der Plural: Keine Abweichung, sondern die Regel

Ein zentrales, oft übersehenes Merkmal ist der frühe und konsequente Gebrauch des Plurals: Algorizmi.

Dieser Plural war nicht ungewöhnlich. Er entspricht einer im Mittelalter geläufigen Sprachpraxis, insbesondere in der Logik. So sprach man schon lange vor dem Dixit Algorizmi von Syllogismi, nicht von einem einzigen Syllogismus. Mal wurde im Plural ein „z“ verwendet. Mal ein „s“. Gemeint waren damit nicht Personen, sondern Regeltypen, Argumentformen oder methodische Varianten.

Im Salemer Codex werden gleich sieben species algorizmi unterschieden, ausdrücklich in Analogie zu den sieben Gaben des Heiligen Geistes. Auch im Umfeld von Dixit Algorizmi erscheint der Begriff nicht als singuläre Methode, sondern als Gesamtheit sprechender Regeln. Der Plural ist funktional: Er erlaubt Ordnung, Klassifikation und Lehrbarkeit.

Ismus: Zwischen Religion und Wissenschaft

Die Wortbildung ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. Begriffe auf -ismus wurden im Mittelalter regelmäßig zur Bezeichnung von Lehren, Methoden und systematischen Ordnungen verwendet. Das gilt sowohl für logische Kontexte als auch für religiöse: Katechetische Lehren, dogmatische Systeme und Denkformen wurden ebenso als -ismi gefasst wie argumentative Verfahren.

Ein -ismus bezeichnet dabei weniger eine Technik als vielmehr eine lehrbare Methode, eine strukturierte Weise des Vorgehens oder Erkennens. Genau darin liegt seine vermittelnde Funktion: Er verbindet religiöse Ordnungsvorstellungen mit wissenschaftlicher Regelhaftigkeit. Der Algorismus erscheint so nicht als importierte Technik, sondern als kanonisierte Lehre.

Zwei Texte, zwei Wege – eine Aussage

Chronologisch ist der Befund eindeutig: Dixit Algorizmi ist der ältere Text (Anfang 12. Jahrhundert). Der Salemer Codex entsteht erst 150 Jahre später (13./14. Jahrhundert). Er knüpft erkennbar an die bestehende Sprachform (Algorizmi, -izmi) an, wählt jedoch einen anderen inhaltlichen Weg.

  • Dixit Algorizmi arbeitet mit allegorischer Stimme: Die Regeln sprechen.
  • Der Salemer Codex systematisiert: Er ordnet, zählt und bindet die Verfahren explizit an Theologie und Zahlensymbolik.

Beide Texte gehören damit nicht zu einer linearen Überlieferung, sondern zu einer gemeinsamen kulturell-religiösen Logik, die sich weiterentwickelt. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille: Der eine Text verleiht der Regel eine Stimme, der andere eine Ordnung.

Fazit

Der Salemer Codex und Dixit Algorizmi werden häufig als Belege für eine personenbezogene Herkunft des Algorismus gelesen. Ihre innere Struktur spricht jedoch für eine andere Deutung: Sie dokumentieren die Ausbildung eines Begriffs, der Regeln, Methoden und Lehre bezeichnet – pluralisch, autorisiert und eingebettet in eine theologisch verstandene Ordnung.

Vermutlich beginnt die Geschichte des Algorithmus daher nicht mit einem Namen, sondern mit einer Sprachform, die es erlaubte, Regeln sprechen zu lassen – wie im Dixit Algorizmi und möglicherweise bereits in früheren Texten wie dem Liber ysagorarum Alchoarismi, dessen Schreibweise noch näher an der Praxis des Staubrechnens (al-ġubār) liegt – und ebenfalls den Plural „ismi“ verwendet.

Schreibweise / FormelTextkontextSprachliche FormGemeinte BedeutungInterpretative Einordnung
Alchoarismi / ysagorarum (Liber ysagorarum Alchoarismi)Rechentext, praxisnah
(Anfang 12. Jh.)
Lautnahe Transkription, PluralRechenpraxis, methodisches VerfahrenNähe zum Staubrechnen (al-ġubār); Begriff ist praxisgebunden
Dixit AlgorizmiLehr- und Regeltexte (Anfang 12. Jh.)Plural, allegorische Redeform („So spricht …“)Gesamtheit sprechender Rechenregeln; autorisierte VerfahrenAlgorizmi als Instanz, nicht als Person; Regeln erhalten eine Stimme
Algorizmi / algorismi (Salemer Codex)Systematische Lehrschrift (13./14. Jh.)Plural, klassifikatorisch (species algorizmi)Mehrere Arten / Weisen des Rechnens, geordnet und legitimiertAlgorizmi als Lehre mit innerer Differenzierung (z. B. sieben Arten)
Alchoarismi / ysagorarum (Liber ysagorarum Alchoarismi)Früher Rechentext, praxisnahLautnahe Transkription, keine feste LatinisierungRechenpraxis, methodisches VerfahrenNähe zum Staubrechnen (al-ġubār); Begriff noch stark praxisgebunden

*Fußnote: Algorizmi, -izmi und die Frage der nisba

Die Endung -izmi wird häufig als Latinisierung eines Eigennamens gelesen. Für eine analytische Zerlegung des Begriffs in Algor / Algur / Algus und -ismus sprechen jedoch konkrete mittelalterliche Textindizien. Insbesondere das Carmen de Algoritmo sowie ein Tractatus de Algorismo trennen den Begriff explizit in eine benannte Instanz (Algor, Algur oder Algus) und den lehrhaften Rahmen (algorismus).

Diese Trennung ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass der Name im Mittelalter nie als Einheit verstanden wurde. Vielmehr wird Algor als sprechende oder exemplarische Figur eingeführt, während -ismus die Lehre, Methode oder Regelordnung bezeichnet. Eine solche Struktur entspricht der mittelalterlichen Praxis allegorischer Lehrtexte, in denen abstrakte Wissensbereiche durch personifizierte Stimmen vermittelt werden. Die Nennung von des Philosophenkönigs „Algor“ kann dabei auf ein Werk von Siad al-Andalusi aus dem 11. Jahrhundert zurückgeführt werden.

In dieser Lesart erklärt sich auch der frühe und funktionale Gebrauch des Plurals Algorizmi: Er bezeichnet nicht mehrere Personen, sondern eine Mehrzahl von regelgeleiteten Verfahren, die unter einer gemeinsamen Lehrform zusammengefasst sind. Die spätere biografische Deutung des Begriffs lässt sich so als nachträgliche Personalisierung verstehen, nicht jedoch als zwingender ursprünglicher Bedeutungsgehalt.

Algorithmus Etymologie

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