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Die Rückprojektion als Spiegel der Gegenwart

Ein weit verbreitetes Narrativ besagt: Im 12. Jahrhundert habe man noch gewußt, dass das Wort Algorizmi auf der Latinisierung des Beinamens von Mohammed ben Musas beruhe. 150 Jahre, nachdem diese Idee erstmals formuliert wurde, erweist sich das Narrativ Dank der Hilfe von Online-Archiven, Suchmaschinen und Künstlicher Intelligenz als kollektiver Irrtum. Gustave Le Bon, einer der Väter der Massenpsychologie, hat bereits Ende des 19. Jahrhunderts erklärt, wie entsprechende Rückprojektionen funktionieren: Sie sind Spiegel späterer Gegenwart.

Zunächst eine Buchempfehlung für den, der die Psychologie der Massen von Gustav le Bon noch nicht kennt:

  • Dieses Buch wurde Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben.
  • Es erklärt (leider) genau, wie die Rassentheorie des dritten Reichs funktionieren konnte.
  • Ebenso erklärt es, wieso Donald Trump so erfolgreich ist.

Bei Massenphänomenen wirkt keine Vernunft

Le Bon erklärt mit vielen einfachen Beispielen, weshalb Massenphänomene ganz anders funktionieren als individuelle Kommunikation im kleinen Kreis. Seine These: So bald eine große Menge von Menschen eine gemeinsame Sicht auf ein Thema entwickeln, ist die Frage, ob diese richtig oder falsch ist, nicht mehr relevant. Um zu erleben, dass die so ist, muss man nur ein Konformitätsexperiment durchführen – schon erzielt man den Asch-Effekt. Er besagt, dass die meisten Menschen dem Urteil der Gruppe folgen. Auch und gerade dann, wenn sie völlig falsch liegt. So bestätigen Menschen entgegen der eigenen Überzeugung alles mögliche, nur um dem Gruppendruck zu entgehen.

Warum auch nicht? Es ist ja auch evolutionär bewährter menschlicher Herdenschutz.

Zurück zu Le Bons Buch. Leider ist es in einem Stil geschrieben, der heute unzeitgemäß wirkt. Mitunter wirkt es schwülstig, eher erzählend als irgendwas beweisend. Aber: Wer es einmal komplett durchgelesen hat, versteht plötzlich Dinge, die dem eigenen Erfahrungswissen unterschwellig bekannt vorkommen. Insofern verwundert es auch nicht, dass er wie kaum jemand anders zu beschreiben vermag, was im Hinblick auf das al-Hwarizmi-Eponym passiert sein dürfte: Man projezierte das noch junge mathematisch-historische Wissen des 19. Jahrhunderts auf das Mittelalter zurück …

Rückübertragung von Bildern und Worten

Schauen wir zuerst auf das, was Le Bon im Kapitel „Bilder, Worte und Redewendungen“ ganz allgemein dazu geschrieben hat:

  • Da die Bilder, die durch die Worte hervorgerufen werden, unabhängig sind von ihrem Sinn, so wandeln sie sich von Zeitalter zu Zeitalter, von Volk zu Volk, während die Formeln dafür die gleichen bleiben. Mit bestimmten Worten verbinden sich zeitweilig bestimmte Bilder: das Wort ist nur der Klingelknopf, der sie hervorruft …
  • Was tun wir denn in Wirklichkeit, wenn wir einen französischen Ausdruck ins Lateinische, Griechische oder Sanskrit übertragen wollen, oder selbst wenn wir nur versuchen, ein Buch zu verstehen, das vor einigen Jahrhunderten in unserer eigenen Sprache geschrieben wurde? Wir übertragen einfach die Bilder und Vorstellungen, die das moderne Leben in unserem Verstand erzeugt hat, auf die völlig verschiedenen Begriffe und Bilder, die das antike Leben in der Seele von Rassen hervorbrachte, deren Lebensbedingungen keine Ähnlichkeit mit den unsrigen zeigen.
  • Die Menschen der Revolutionszeit glaubten die Griechen und Römer nachzuahmen und gaben nur den alten Worten einen Sinn, den sie niemals gehabt hatten. Welche Ähnlichkeit könnte zwischen den Einrichtungen der Griechen und solchen bestehen, die heute mit gleichlautenden Worten bezeichnet werden? Was war eine Republik damals anderes als eine wesentlich aristokratische, aus einer Vereinigung kleiner Despoten gebildete Einrichtung, die eine versklavte, in völliger Abhängigkeit gehaltene Masse beherrschte? Diese kommunalen Aristokratien, die sich auf Sklaverei gründeten, hätten nicht einen Augenblick ohne sie bestehen könne.

Vergleich mit dem al-Hwarizmi-Narrativ zum Algorithmus

Übertragen auf das al-Hwarizmi-Eponym bedeutet das:

  • Die Worte Algorizmi und al-Hwarizmi wirkten für die Gelehrten des 19. Jahrhunderts wie ein Krimi: Es galt in Geheimnis zu lüften – etwas zu entdecken.
  • Hatten sie erst wenige Jahre zuvor erfahren, dass es ein Dixit Algorizmi und einen Mohammed ben Musa gab, wußten sie nun: Beides gehört zusammen!
  • Sie übertrugen die neuen Bilder ihrer Zeit in ein Mittelalter zurück, dass sie kaum kannten. Eine Welt der Imagination, die es in Wirklichkeit nie gab.

Sie unterstellten dabei den Autoren des Dixit ein Vorgehen, das nur sie selbst verstehen konnten. Sie fingierten ein Vergessen und erhoben sich dadurch selbst zu Entdeckern! Das wiederum war wichtig, um im Zeitalter wissenschaftlicher Entdeckungen als Autorität zu gelten! Um die eigene Spekulation zu untermauern, wurde sie mittels Beweissuggestion als gesicherte Erkenntnis dargestellt.

Es ist einfach menschlich – doch nun kommt KI

Rückprojektionen hat es schon immer gegeben! An ihnen ist nichts auszusetzen. Es ist ein typisch menschliches Verhalten – selbst unter Wissenschaftlern. Insofern ist es auch kein Makel. Und wenn im 19. Jahrhundert alle daran glauben wollten, dass man im Mittelalter mit Algorizmi die Person al-Hwarizmis meinte … Wo ist das Problem? Es ist doch nur ein Irrtum unter vielen. Warum also dem Theme so viel Aufmerksamkeit widmen?

Aus einem einfachen Grund:

  • KI-Systeme werden auf Basis ihrer Trainingsdaten unzählige Rückprojektionen für wahr halten.
  • Vor allem dann, wenn sie oft wiederholt worden sind – denn häufige Wiederholung ist für ein KI oft ein Indiz für Richtigkeit.
  • Zudem werden KI-Systeme künftig im Wege der Rückprojektion selbst neue synthetische Daten entwickeln.

Hier liegt das eigentliche Problem. Und das irrige Narrativ des al-Hwarizmi-Eponyms ist dafür lediglich ein Beispiel. Allerdings eines, welches das intelligente Herz jeder KI betrifft: Die Algorithmen und Daten.

Mit synthetischen Daten erreicht das Prinzip der Rückprojektion eine neue Dimension!

Die Vergangenheit wird nicht mehr nur interpretiert oder fortgeschrieben, sondern in eine neue Datenwirklichkeit übersetzt. Es sind künstliche Daten, die auf Vergangenheitserkenntnissen beruhen und echte Daten imitieren sollen. Und wenn dabei der Blick zurück durch irrige Annahmen verfälscht wurde, ist auch im Blick nach vorn der Fehler mit integriert

Was so entsteht, ist keine Zukunft im eigentlichen Sinne, sondern ein Möglichkeitsraum, dessen Grenzen durch das definiert sind, was war – und durch das, was die jeweilige Gegenwart für relevant, wahrscheinlich oder wünschenswert hält.

Synthetische Daten sind damit kein Ausbruch aus der historischen Bedingtheit, sondern ihr technischer Kulminationspunkt: Eine Zukunft, die aus der Vergangenheit errechnet wird und deshalb vor allem eines offenbart – die Gegenwart selbst. Dabei fließen alle bis heute unendeckten Fehlannahmen mit ein. Und je häufiger Irrtümer wie das al-Hwarizmi-Narrativ verbreitet wurden und werden, desto größer der auf ihnen mit synthetischen Daten erstellte Irrtum.

Das ist der eigentliche Grund, weshalb gerade dem richtigen Narrativ des Algorithmus heute und in Zukunft so eine große Bedeutung zukommt. Der Irrtum liegt nämlich nicht nur im Eponym als solchem, sondern in dem abstrahierten Muster, das eine KI daraus für vergleichbare Fälle statistisch ermittelt.

KI-Modelle sind eine Datenbank: Es sind hoch vernetzte Informationen. Jeder Fehler kann sich daher auf Bereiche auswirken, die auf den ersten Blick nichts mit dem Thema des Fehlers gemeinsam haben. So könnte eine KI aus dem Eponym den falschen Schluss ziehen, dass „ähnlich klingende Begriffe primär als Personennamen zu interpretieren sind“ (weil das al-Hwarizmi-Narrativ dies nahelegt).

Dann kann sie diesen Fehler auf völlig fachfremde Gebiete übertragen – und auch auf synthetische Daten.

Die Analyse des Algorithums-Eponyms als PDF: van-Helsing.ai – Die Odyssee von Algorizmi zum Algorithmus (166 Seiten, Stand Dezember 2025)

Algorithmus Etymologie

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