Yuval Noah Harari bezeichnet „Algorithmus“ als einen der zentralen Begriffe unserer Zeit. Im KI-Zeitalter entscheiden Algorithmen über Informationsflüsse, Sichtbarkeit, Bewertung – und damit über Macht. Gleichzeitig ist der Begriff selbst zum Gegenstand intensiver Forschung geworden: Es existieren unzählige Texte, die sich mit Bedeutung und Herkunft des Wortes befassen. Doch das dominante al-Ḫwārizmī-Narrativ ist bis heute nicht belegt.
Algorithmen als Vertrauensproblem
Heute steht „Algorithmus“ nicht nur für Mathematik oder Informatik, sondern für eine neue Vertrauensfrage:
- Viele sehen Algorithmen als Symbol objektiver Rationalität („die KI weiß es besser“).
- Gleichzeitig wachsen Misstrauen und Angst vor Desinformation, Halluzinationen und „Fake Truth“.
Algorithmen beeinflussen auch die interne Konfidenz von KI-Systemen – also wie stark eine KI an ihre eigene Antwort glaubt und wie sie Kritik bewertet. Daraus entsteht ein doppelter Vertrauenskonflikt:
- Wie weit dürfen Menschen KI vertrauen?
- Wie weit darf KI sich selbst (und ihren Trainingsdaten) vertrauen?
Das dominante Narrativ: al-Ḫwārizmī als Namensgeber
Fragt man heutige KI-Systeme nach der Etymologie, lautet die Standardantwort fast immer: Der Begriff stamme vom arabischen Gelehrten Muḥammad ibn Mūsā al-Ḫwārizmī. Lexika, Fachliteratur und Enzyklopädien reproduzieren diese Herleitung seit langem – und genau diese Quellen bilden wiederum Trainingsdaten moderner KI. Doch Vorsicht: Maximaler Konsens ist nicht automatisch maximaler Beweis.
Der Auslöser: Eine KI-Halluzination als Startsignal
Die Analyse entsteht aus einem Zufall: Der Autor stößt bei einer ChatGPT-Abfrage auf eine plausibel klingende bibliografische Angabe. Eine Angabe, die sich aber als völlig falsch herausstellt. Es ist ein klassischer Fall von KI-Halluzination. Hinzu kommen wenig überzeugende Thesen der KI zu Fibonaccis negativer Sicht auf den Algorithmus. Die KI verstrickt sich erkennbar in Widersprüche, die sie nicht auflösen kann, sondern weiter verstärkt.
Dies löst eine Kettenreaktion aus:
- Wenn schon konkrete Quellenangaben erfunden werden: Wie stabil ist dann das gesamte Etymologie-Narrativ?
- Weitere Recherchen offenbaren zusätzliche Unstimmigkeiten, widersprüchliche Aussagen und teils frei erfundene Quellenzitate aus Mittelalter und 19. Jahrhundert.
- KI ist dabei gleichzeitig Problem und Werkzeug: Sie halluziniert – kann aber auch helfen, Widersprüche in fremden Texten (inkl. Wikipedia) aufzudecken.
„Algorithmische Unwahrheit“: Daten vs. Methode
Zu unterscheiden sind verschiedene Formen von potenziellen „KI-Unwahrheiten“:
- richtige Daten + falsche Algorithmen
- falsche Daten + richtige Algorithmen
- falsche Daten + falsche Algorithmen
Für das Eponym-Problem sei besonders die zweite Variante relevant: Wenn Trainingsdaten (trotz massiver Verbreitung) inhaltlich fragwürdig sind, kann eine KI sie dennoch korrekt „verarbeiten“ – und verbreitet dabei möglicherweise einen Irrtum mit hoher Überzeugungskraft.
Das provokative Ergebnis: Konsens durch Zirkelschluss und Citogenesis?
Die zugespitzte Kernthese lautet: Das Eponym („Algorithmus kommt von al-Ḫwārizmī“) habe sich im 19. Jahrhundert teilweise zirkulär verfestigt und durch Citogenesis (Zitate entstehen aus Zitaten) stabilisiert – vergleichbar mit einem System, das sich selbst beweist.
Drei Phasen der Begriffs-„Odyssee“
Die Entwicklung in einem Phasenmodell:
- Über das gesamte Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert: Überall wird eine funktionale Deutung vertreten. Zudem existiert kein gesicherter Beleg, dass al-Ḫwārizmī Namensgeber ist.
- Mitte/Ende des 19. Jahrhundert: Das al-Ḫwārizmī-Narrativ entwickelt sich durch Spekulationen und Beweisbehauptungen zur „Gewissheit“ weiter. Aber ohne handfeste Belege..
- Ab ca. 1870 bis heute: Manifestierung des Eponyms durch Lexika, Sekundärliteratur und spätere Korrekturen/Ergänzungen – bis zur heutigen „scheinbar bewiesenen“ Standarderzählung.
Die Gegenmeinung: RAE und das ḥisāb al-ġubār
Überraschend erfolgt eine Erkenntnis. Es gibt eine kaum bekannte Alternative: Die Real Academia Española (RAE) führt den Ursprung eher auf ḥisāb al-ġubār zurück (sinngemäß Rechnen mit arabischen Ziffern / Sandrechnen) und bringt zusätzlich „Algobarismus“ als Brückenbegriff ins Spiel – allerdings ohne umfangreiche Belegkette. Was, wenn sich die funktionale Herleitung am Ende besser belegen lässt als das Eponym?
Mythos gegen Mythos: Was lernen wir daraus?
Am Ende geht es nicht nur um Wortgeschichte, sondern um ein KI-Zeitalter-Problem:
- Menschen bauen Narrative, die durch Konsens „wahr“ wirken.
- KI verbreitet Narrative, weil sie in Trainingsdaten dominieren – auch wenn sie wackeln.
- Die Kombination aus digitalen Archiven, Suchmaschinen und KI kann aber auch eine Art „Deep Truth“ ermöglichen: Irrtümer sichtbar machen, die vorher im Nebel aus Sekundärzitaten verborgen waren.
Fazit: Etymologie als Stresstest für Wissen im KI-Zeitalter
Die Herkunft des Wortes „Algorithmus“ wird zum Prüfstein dafür, wie Wissen entsteht, wie es kanonisiert wird – und wie schnell sich scheinbar gesicherte Wahrheiten verselbständigen können. Mehr Konsens bedeutet nicht automatisch mehr Evidenz – und mehr KI bedeutet nicht automatisch mehr Wahrheit.
Die ganze Story hier als PDF: van-Helsing.ai – Die Odyssee von Algorizmi zum Algorithmus (166 Seiten, Stand Dezember 2025)