HomeAlgorithmus Etymologie4. Algorithmus – These B: Verwendung im Mittelalter

4. Algorithmus – These B: Verwendung im Mittelalter

These B prüft, ob sich die RAE-Idee aus These A im mittelalterlichen Sprachgebrauch wiederfindet: Also ob algorismus/algorithmus in europäischen Primärquellen funktional (als Rechenkunst/Methode) verstanden wurde – und nicht als Personenname al-Ḫwārizmīs.

Der Maßstab ist einfach: Was sagen die mittelalterlichen Texte selbst – und was nicht.

Schlüsseltext: Fibonaccis Liber abaci (1202/1228)

Leondardo da Pisa, besser bekannt als Fibonacci, ist einer der wichtigsten Zeitzeugen. Er kannte viele Länder und nahezu alle damals geläufigen Rechenarten und die dahinterstehenden Gelehrten. Zudem propagierte er das algebraische Rechnen in seinem Buch Liber Abaci. Dabei benutzt algorismum grammatikalisch eindeutig als Lehrbegriff, nicht als Person.

Algorismus als „veraltete“ Methode – und zwar ausdrücklich

Aber am wichtigsten ist, dass er den Algorismus negativ bewertet:

Der „Algorismus“ ist ein Irrtum gegenüber der „Methode der Inder“ (Leonardo da Pisa/Fibonacci, Liber Abaci, 1202)

Das ist für die Argumentation zentral, weil es ein verbreitetes Missverständnis auflöst:

  • Wenn algorismus bei Fibonacci nicht „al-Ḫwārizmīs indische Ziffernlehre“ meint, sondern vielmehr das überkommene, abacus-nahe Rechnen auf Brett/Sand (al-ġubār/Dust Board),
  • nur dann ist seine Kritik logisch. Sonst wäre es eine bizarre „Selbstkritik“ an genau der Methode al-Ḫwārizmīs, die er selbst propagiert.

Dass er den Begriff nicht erklärt, ist ebenfalls ein starkes Indiz

Fibonacci erklärt sonst fast alles didaktisch. Dass er algorismus nicht näher erläutert, spricht dafür, dass der Begriff bei seiner Zielgruppe (Kaufleute im Mittelmeerraum) selbsterklärend war – als Bezeichnung einer bekannten Praxis, die er überwinden will.

Kurzum: Algorismus erscheint bei ihm als geläufiges Etikett für eine verbreitete, aber aus Sicht Fibonaccis veraltete Rechenpraxis.

Villa Die, Carmen de Algorismo (ca. 1200)

Fast zeitgleich zum Liber abaci wird algorismus in Europa auch positiv genutzt – als Schul- und Lehrtext. Autoren sind dabei in erster Linie mathematisch gelehrte Übersetzer aus dem Umfeld namhafter Übersetzerschulen. Wichtig ist hier Alexander de Villa Die. Er schrieb das so genannte Carmen de Algorismo.

Schon der Einstieg definiert Algorismus klar als Kunst des Rechnens (ars numerandi) mit den „zehn Figuren der Inder“. Das ist ein methodischer, keine personalisierter Ansatz.

„König Algor“ – naive Legende oder Spur zu al-Andalusi?

Das Gedicht nennt gleichwohl als möglichen Ursprung des Algorismus einen mythischen „König Algor“. Das wurde später gern als „Volksetymologie“ abgetan. Die Analyse ergibt: Diese Figur passt auffällig gut zu Said al-Andalusis Narrativ (11. Jh.) von einem indischen „King of Wisdom“, der mit der Staubrechenkunst (ḥisāb al-ġubār) verbunden wird.

Entscheidend ist noch etwas: Villa Dei behandelt nur den Wortanfang „Algor“ als „namefähig“. Die Endung -ismus ist für ihn offensichtlich einfach „Lehre/Methode“ – also funktional. Er weist letztlich darauf hin, dass nicht nur der Begriff, sondern auch der Inhalt anders als mit einer Person erklärbar sei.

Sacrobosco,  Algorismus vulgaris (ca. 1230)

Johannes de Sacrobosco macht aus Algorismus ein universitäres Lehrsystem des schriftlichen Rechnens mit Grundoperationen, Brüchen usw. Der Begriff wird wieder als ars numerandi verstanden – und der Zusatz vulgaris signalisiert: „gemein/üblich/praktisch“.

Er bietet gleich mehrere Herleitungen

Sacrobosco präsentiert mehrere Etymologien nebeneinander (u.a. „Kunst der Zahl“, „Hinführung zur Zahl“, „Algo/Algus als Erfinder“). Das wirkt weniger wie eine sichere Namensableitung, sondern wie didaktische Rahmung: Algorismus ist in erster Linie eine Methode, ein mythischer Namensgeber wird aber genauso wie beim Carmen kurz thematisiert.

Erneut taucht Algo/Algus als mythischer Begründer auf – ein Name, der phonetisch ebenfalls nicht zu al-Ḫwārizmī paßt. Dafür paßt er erneut zu Said al-Andalusis Narrativ. Letztlich geht auch der algorismus vulgaris den Weg, den Begriff gar nicht auf eine Person zurückzuführen.

Kaufmännische Praxis: Jacopo da Firenze (1307)

Jacopo übersetzt und erweitert Sacrobosco – aber für eine andere Zielgruppe: Praktiker, Kaufleute, Abakus-Schüler. Er bringt den Algorismus in italieniescher Sprache in die Welt von Zins, Handel, Geldwesen und verbindet ihn mit regionalen Abakus-Traditionen (u.a. Provence).

Damit wird sichtbar, was These B insgesamt betont: Im Mittelalter konnte algorismus sowohl als „innovative Rechenkunst“ (gelehrt) und zugleich als „praktische Brett-/Linienrechnung“ (kaufmännisch) verstanden werden – ohne dass ein Personenname nötig ist. Wenn ein Personenname diskutiert wurde – dann nie al-Ḫwārizmī, sondern der Philosophenkönig Algo(r).

Island, Hauksbók (14. Jh.)

Auch in Island erscheint Algorismus als Gattungsbegriff für Rechenlehre (indisch-arabische Stellenwertarithmetik). Auffällig: Erneut keinerlei Zuschreibung an al-Ḫwārizmī – obwohl man beim Übersetzen/Komprimieren lateinischer Texte genau solche Zuschreibungen hätte übernehmen können, wenn sie etabliert gewesen wären.

Balthasar Licht, Algorithmus linealis (1509)

Mit dem Buchdruck kommt ein bemerkenswerter Titel: „Algorithmus auf Linien“ – also explizit Linienrechnen/Rechenbrett-Logik (2D-Positionsverfahren). Es ist eine ähnliche Methode wie das ḥisāb al-ġubār, das bis weit nach ibn al-Yāsamīn, Jacob ben Nissim, Abū Bakr al-Ḥaṣṣār und Fibonacci weiterlebt.

Der Punkt ist nicht nur historisch, sondern semantisch:

  • Der Begriff Algorithmus bleibt auch hier funktional – als Verfahren, nicht als Name.
  • Er dient als Übergangsbrücke: alte Praxis (Linien/Brett/Münzen) und neue Regelarithmetik (Papier, Stellenwert).

Was zeigt der Quellenvergleich?

Fast alle Texte sprechen für „Algorismus“ als Rechenkunst – nicht als Personenname

Außer dem singulären Dixit Algorizmi ist die mittelalterliche Beleglage erstaunlich einheitlich:

  • Algorismus = Kunst/Lehre/Regelwerk des Rechnens
  • mit wechselnder Bewertung (bei Fibonacci negativ, in Lehrtexten positiv)
  • häufig gekoppelt an ein Rechenbrett/Dust Board als universelles Tool

Abacistae vs. Algoristae: Der Begriff lebt als „-ismus“-System

Spätestens in der frühen Neuzeit stehen sich abacistae und algoristae gegenüber – genau im Muster von „Lehre“ und „Anhänger“. Das passt perfekt zu einer -ismus/-ista-Logik (Methodenbegriff), nicht zu einem vergessenen Eigennamen.

Was ist mit Dixit Algorizmi?

These B kommt zu erstaunlichen, gut belegten Ergebnissen. Sie unterstützen die funktionale Deutung des Begriffs:

  • Der Text ist singulär, ohne arabisches Original, und der Autor bzw. der Kopiest ist unbekannt.
  • Im Vergleich zur gesicherten Algebra-Übersetzung wirkt der Text kompilatorisch, mehrstimmig (Ich/Er-Wechsel), mit Glossen und Mischlogiken.
  • Crossley/Henry (1990) belegen eindeutig: Der Kopist/Ersteller scheint den „Algorismus“ nicht sauber zu beherrschen und vermischt Abakus- und neue Regeln.

Besonders wichtig: Wenn die Ersteller den Algorismus gar nicht beherrschten – wieso nannten sie ihn dann nach al-Ḫwārizmī? Konnten sie seine Lehre überhaupt kennen? Das ist fraglich, denn die Übersetzung von al-Ḫwārizmīs Alebra ist erst nach der Erstellung des Dixit Algorizmi erfolgt.

Wenn „Algorismus“ im Alltag bereits als Dust-Board-Rechnen (al-ġubār) bekannt war, lösen sich die inhaltlichen Widersprüche des Dixit auf: Dann ist „Algorizmi“ keine reale Person, sondern kann am ehesten eine allegorische Sprechinstanz – so wie es im Mittelalter bei vielen abstrakten Themen üblich war („Dixit Venus“, „Dixit Iustitia“ usw.).

Ergebnis These B

These B kommt zu einer klaren Ergebnis:

  • Plausibilität: grün (hoch)
  • Belegbarkeit: grün (hoch)
  • Kohärenz: grün (hoch)

Denn:

  • Ein mittelalterlicher Nachweis „Algorismus = al-Ḫwārizmī“ fehlt durchgehend.
  • Dagegen gibt es viele Belege, dass algorismus als funktionale Rechenpraxis verstanden wurde – häufig verknüpft mit dem Dust Board und dem westarabischen Kontext (al-ġubār).
  • Die Doppelbedeutung (alte Brett-/Positionslogik vs. neue Stellenwertarithmetik) erklärt auf einfach Weise, warum der Begriff zugleich kritisiert (Fibonacci) und gefeiert (Schultexte) werden konnte.

Und genau damit ist der Boden bereitet für These C: Wenn der mittelalterliche Gebrauch so stabil funktional ist, stellt sich umso schärfer die Frage, wann und warum das dominante Eponym-Narrativ überhaupt entstanden ist.

Die ganze Story hier als PDF: van-Helsing.ai – Die Odyssee von Algorizmi zum Algorithmus (166 Seiten, Stand Dezember 2025)

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