Das KI-Zeitalter wirft ein neues Licht auf eine uralte Frage: Suchen Menschen primär nach Wahrheit oder eher nach pragmatischer Orientierung? Nachfolgend eine Einschätzung, die Nietzsches Idee der imaginären Ursachen in ein modernes Orientierungsmodell für das KI-Zeitalter überführt.
Lieber eine falsche Erklärung als keine
Der Philosoph Friedrich Nietzsche beschreibt in seinem Buch Götzendämmerung – oder wie man mit dem Hammer philosophiert, dass viele Menschen lieber eine falsche Erklärungen akzeptieren, als gar keine Erklärung zu haben.
Akzeptiert wird im Zweifel jede Erklärung, selbst wenn diese:
- logisch falsch,
- empirisch unbelegt,
- oder widersprüchlich ist.
Trifft dies wirklich zu? Und falls ja: Warum?
Prüfen wir die These anhand des Beispiels der Urknalltheorie: Sie gilt als die plausibelste wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Welt. Sie ist aber nicht deshalb akzeptiert, weil sie eine endgültige Gewissheit liefert, sondern weil sie das Vakuum des Nicht-Wissens bestmöglich füllt. Ein Raum, in dem zuvor Unbestimmtheit herrschte.
Doch selbst sie ist keine endgültig gesicherte Wahrheit. Tatsache ist, dass die Urknall-These neuerdings wieder von anerkannten Wissenschaftlern mit dem Argument infrage gestellt wird, dass sie grundlegende Fragen unbeantwortet lasse. „So what?“ könnt man sagen: Die Widersprüche werden vom wissenschaftlichen Konsens offenbar weit überwiegend akzeptiert.
Wer nicht selbst Physiker ist, wird hier ohnehin kaum mitreden können. Man kann nur glauben, was die Wissenschaft als Konsens verbreitet. Detailliertes Verstehen der Kritik ist aber letztlich nicht erforderlich. Man versteht selbst als Laie: Eine herrschende These wird von führenden Experte hinterfragt. Das Ergebnis ist noch offen. Es könnte aber eine neue Erkenntnis entstehen, welche die alte verdrängt.
Psychologische Ursachen
Angenommen, die Urknalltheorie würde sich nachweislich als falsch herausstellen, dann wäre klar: Sie war eine über Jahrzehnte hinweg akzeptierte, aber letztlich falsche Erklärung. Sie beruhigte das Gewissen. Sie suggerierte Gewissheit auf höchstem Niveau. Mehr aber auch nicht. So könnte man folgenden Rückschluss ziehen: „Wenn sich die Urknalltheorie als falsch herausstellen sollte, dann war sie auch nur ein moderner Gaia-Mythos.“
Nietzsche glaubte, in verschiedenen Wahrheitsbehauptungen einen „höheren Schwindel“ zu erkennen. Und vielleicht ahnte er im späten 19. Jahrhundert, dass ein Zustand der Unerklärtheit der Welt und ihrer vielen Details psychisch viel schwerer auszuhalten ist als eine schlechte, aber strukturgebende Erklärung. Eine die zumindest eine gefühlte Orientierung ermöglicht und Ordnung suggeriert.
Der Mensch möchte nun mal:
- Vorhersagbarkeit
- Verantwortlichkeit
- Kontrolle
- Konsistenz
Menschen wollen eine im Grundsatz plausible Erklärung. Die einen wollen sie einfach und unkompliziert, während sie von anderen nur dann akzeptiert wird, wenn sie anspruchsvoll und wissenschaftlich wirkt. Und die „Big-Bang-Theorie“ verbindet beides, nämlich die einfache bildliche Vorstellung mit einer hoch komplexen physikalischen Erklärung, die nur ein paar Atomphysiker in ihrer vollen Tragweite verstehen können.
Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden
Wie schön, dass ausgerechnet Albert Einstein bestätigt, dass man die Welt gar nicht verstehen muss. Es reicht, wenn man sich in ihr zurechtfindet. Und eine einfache, aber plausible Erklärung kann dies im Zweifel sogar besser bewirken als eine komplexe Erklärung, die man aufgrund ihrer Komplexität erst gar nicht versteht. Das ist ja das Schöne an Einsteins Formel e = mc2 – man muss sie gar nicht verstehen, um das Gefühl zu haben: „Das wirkt so einfach, das muss stimmen!“.
Eine plausible und einfach wirkende Erklärung – egal welcher Art – liefert Wohlbefinden schneller als eine komplexe Wahrheitssuche ohne Ergebnis. Und ein Wissen, das keine für den Alltag greifbaren Mehrwerte liefert, ist aus Sicht der vieler Menschen nicht nur nutzlos, sondern schädlich. Es symbolisiert vergeudete Energie. Eine beliebige Erklärung, die den Schmerz des Unwissens lindert, ist wiederum hilfreich und daher gut investierte Energie.
Nietzsche könnte daher gesagt haben:
Die erste Funktion jeder Erklärung ist nicht Wahrheit, sondern Schmerzvermeidung.
A propos Schmerz: Auch Placebos können Schmerzen lindern – selbst wenn sie gar keine Wirkstoffe enthalten. Umgekehrt können wirksame Medikamente imaginäre Erkrankungen auslösen – der so genannte Nocebo-Effekt.
Übertragen auf Erkenntnis:
- Auch eine wahre, gesicherte Erkenntnis kann Schmerzen verursachen, wenn sie nicht zum eigenen Weltbild paßt. Sie gefährdet das Ziel der Orientierung.
- Und eine hoch komplexe wissenschaftliche Wahrheit, die man gar nicht erst versteht und zudem nicht zum eigenen (einfachen) Weltbild paßt, könnte doppelt wehtun.
Wahrheit ist ein Ideal — Orientierung ist ein Werkzeug
Es gibt mutmaßlich vier Kriterien, die in der Praxis entscheidend sind:
- Orientierung minimiert Unsicherheit
- Orientierung schafft Handlungsfähigkeit
- Orientierung ist temporär – kein absoluter Wahrheitsanspruch
- Orientierung bleibt dadurch offen für Korrektur
Eine vermeintlich perfekte Antwort, die alle Details berücksichtigt, benötigt zudem Zeit. Oft kommt sie deshalb zu spät, weil sich die Umstände schon wieder verändert haben, bevor die Antwort erfolgt ist. Zudem ist sie häufig zu komplex, um hilfreich zu sein – dann stimmt zwar die Theorie, aber die Umsetzung scheitert.
Dies erklärt die folgenden Phänomene in einer immer dynamischer und komplexer werdenden Welt:
- Populäre einfache Antworten bieten hohe Orientierung trotz geringer Wahrheitstiefe.
- Akademisch komplexe Antworten bieten hohe Wahrheitstiefe, aber oft geringe Orientierung.
Und so schwankt der Mensch permanent zwischen den beiden Polen, denn viele der einfachen Antworten haben auch einen empirisch bewiesenen Haken: Es sind allzu oft falsche Erklärungen, die nur gefühlte Orientierung bieten. Sie beruhigen das Gewissen und suggerieren Orientierung – bis irgendwann das eintritt, was die einfache Erklärung gerade verhindern soll – Schmerz!
Die beste Antwort ist relativ
Und was lernen wir daraus? Die ideale Antwort ist diejenige, die maximale Orientierung bei minimaler Falschheit bietet. Das kann sowohl eine einfache als auch eine komplexe Aussage oder Erkenntnis sein. Es kommt darauf an!